- Nachbericht -
Klimawandel – Chancen und Risiken für den Weinbau der Region Nahe
Kein Ende für Riesling- und Burgunder-Anbau in Sicht!
Klimafolgenforschung für einzelne Weinlagen birgt große Potenziale.
Die Erderwärmung und die zunehmenden Wetterextreme der letzten Jahre beeinflussen den Weinbau nachhaltig. Auch an der Nahe verzeichnen die Winzer steigende Durchschnittstemperaturen sowie häufigen Starkregen. Im Rahmen der 1. Meisenheimer Weinkonferenz, die unter dem Motto „Die Klimaveränderung und der Weinbau an der Nahe – Risiken, Chancen, Konsequenzen“ im Boos von Waldeckschen Hof stattfand, stellten sich kürzlich führende Experten aus Weinwirtschaft, Umwelt- und Klimaforschung drängenden Fragen der Gegenwart und Zukunft. Diskutiert wurden unter anderem Maßnahmen zur Vermeidung von Wassermangel, Fäulnis und Sonnenbrand sowie Möglichkeiten einer noch effizienteren Zusammenarbeit von Forschung und Weinbau. Initiator der Veranstaltung war Christian Held, Geschäftsführer und Gesellschafter des Weinguts Klostermühle Odernheim und stellvertretender Vorstand des Instituts für Klimaforschung, Energie und Mobilität (IKEM).
Weinreben wachsen überall zwischen den Tropen und dem Polarkreis. Gute Weine werden allerdings nur in einem relativ begrenzten Klimagürtel produziert, in der die Durchschnittstemperatur zwischen April und Oktober über 12 °C, aber unter 22°C liegt. Aufgrund der globalen Erderwärmung in den kommenden Jahrzehnten werden sich die Bedingungen für den Weinbau weltweit teils drastisch verändern. So verschlechtern sich beispielsweise in Südeuropa, wo es bereits heute heiß und trocken ist, die Möglichkeiten für Weinanbau kontinuierlich. Im Norden hingegen – beispielsweise in Ländern wie Schweden, Dänemark, Niederlande oder Polen – bieten sich für Winzer in Zukunft gegebenenfalls Chancen. Für die klassischen deutschen Anbaugebiete, beispielsweise die Nahe, ergibt sich ein ambivalentes Bild.
Welchen Wein werden wir also morgen trinken? Diese Frage sowie die regionalen Aspekte der „Herausforderung Klimawandel“ diskutierten die Gäste der 1. Meisenheimer Weinkonferenz. Zu den Referenten zählten Professor Dr. Hans Reiner Schultz, Direktor der Forschungsanstalt Geisenheim und Dr. Klaus Müschen, Leiter der Abteilung Klimaschutz, Umwelt und Energie des Umweltbundesamtes. Weiterhin nahmen die Winzer Dr. Peter Crusius (Weingut Dr. Crusius, Traisen), Werner Schönleber (Weingut Emrich-Schönleber, Monzingen), Thomas Zenz (Weingut Klostermühle Odernheim) sowie Matthias Adams (Weingut von Racknitz, Odernheim) als renommierte Vertreter des deutschen Weinbaus der Region Nahe an der Konferenz teil. Die Seite der Presse wurde unter anderem durch Rudolf Knoll vertreten, der sich seit Jahrzehnten intensiv dem deutschen Weinjournalismus widmet. Auch die Sommeliers Alfred Voigt (Hotel-Restaurant Residence, Essen) und der Berliner Sommelier des Jahres Billy Wagner (Rutz-Weinbar, Berlin) trugen mit ihrem Fachwissen zur Diskussion bei.
Riesling, Burgunder & Co. an der Nahe nicht gefährdet
Laut Prof. Schultz stehen die Prognosen für den deutschen Weinbau keineswegs schlecht – ganz im Gegenteil. Zwischen den 1960er und 1980er Jahren gab es in Deutschland wenigstens drei besonders schlechte Jahrgänge pro Jahrzehnt, während die Trauben nach 1987 immer voll ausreifen konnten. Die Weine fielen in den letzten 15 Jahren allgemein weniger säurebetont sondern dichter und stoffiger aus, was sowohl von den Winzern als auch von Weintrinkern positiv zur Kenntnis genommen wurde und die Vermarktung erleichterte. Deutsche Weine und auch die der Nahe-Region genießen heutzutage Weltruf. Dank der wärmeren Temperaturen könnten Lagen in den Seitentälern in den kommenden Jahren sogar zu 1a-Lagen avancieren. Somit haben deutsche Winzer von der Klimaerwärmung bislang eher profitiert und können es in Zukunft mithilfe der richtigen Anpassungsstrategien auch weiter tun.
Dr. Müschen prophezeite Bezug nehmend auf wissenschaftliche Modellrechnungen für den Naturraum Saar-Nahe-Bergland, dass sich Reife- und Erntebeginn im Weinbau künftig im Kalender nach vorne verschieben werden. Insgesamt werde sich der Klimawandel wahrscheinlich rascher als bisher angenommen vollziehen. Forscher verzeichneten bereits eine Zunahme heißer Sommertage über 30 Grad Celsius. Dennoch betonte Dr. Müschen, dass man keine pauschalen Zukunftsszenarien als sicher annehmen könne.
Die gute Nachricht: Dank der prognostizierten – im Weltvergleich – moderat steigenden Temperaturen in den kommenden Jahrzehnten werden sich entgegen aller Unkenrufe Weine wie der Riesling oder Burgunder weiterhin an der Nahe halten. Dabei werden sie ihre gute Qualität wahren können. Prof. Schultz, dessen Aussagen diesbezüglich in der Vergangenheit oftmals falsch zitiert worden waren, erläuterte: „Rebsorten wie die der Naheregion werden überall in der Welt angebaut und sind teilweise extremen Klimabedingungen ausgesetzt. In den USA im Washington State beispielsweise muss der Riesling Tag-Nacht-Temperaturschwankungen von 16 bis 20 Grad Celsius standhalten. Bei uns betragen die Differenzen gerade einmal neun bis elf Grad Celsius. Ich habe in Geisenheim bewusst und demonstrativ kürzlich Riesling angepflanzt!“
Die Herausforderungen: Wetterextreme, Trockenheit, Sonnenbrand
Probleme seien jedoch durch sekundäre Faktoren des Klimawandels wie Schädlingsplagen oder extreme Wetterlagen zu erwarten. So müsse beispielsweise mit langen Trockenperioden oder plötzlichem Starkregen gerechnet werden. Letzterer könne verstärkt Erosionen der Böden nach sich ziehen. Um die schwankenden Niederschlagsmengen zu bewältigen, gelte es, durch eine entsprechende Bearbeitung – beispielsweise Begrünung – die Fluktuation im Bodenwassergehalt zu optimieren. Eine besondere Herausforderung sahen die Winzer in der Bearbeitung der Steillagen. Bei diesen sei eine Begrünung nur eingeschränkt möglich. „Um die Steillagen zu halten, muss auch die Weinqualität dieser Lagen entsprechend sein“, so Dr. Peter Crusius. Für den Winzer aus Traisen ist die Trockenheit ein ernstzunehmendes Problem.
Um zukünftig den lang anhaltenden Trockenperioden zu begegnen, könnte die Installation von Wasserreservoirs zur Bewässerung ein Lösungsansatz sein. Vor dem Hintergrund jeweils regional unterschiedlicher gesetzlicher Auflagen und Rahmenbedingungen in Deutschland sei dies, so Schultz, jedoch kein einfaches Unterfangen. Obwohl die Bewässerung von Wein seit 2002 zumindest erlaubt sei, ist die Wasserentnahme beispielsweise aus Flüssen wie der Nahe verboten. Schultz betonte, dass die Wasserversorgung eine Schlüsselproblematik darstelle. In diesem Zusammenhang verwies er auf den sogenannten „Wasserfußabdruck“. Dabei handelt es sich um eine Dokumentation des gesamten Wasserverbrauchs, der zur Herstellung eines Produkts benötigt wird. Vor dem Hintergrund weltweit dramatisch ansteigender Bevölkerungszahlen und Wassermangel in weiten Teilen der Welt skizzierte Schultz ein Zukunftsszenario, in dem Produkte sämtlicher Industriezweige aus wasserökologischer Sicht vergleichbar gemacht werden könnten. Immerhin 720 Liter Wasser seien durchschnittlich notwendig, um eine einzige Flasche Wein zu erzeugen. Dabei führte Schultz weiter aus, dass die Bewässerung von Weinstöcken lediglich punktuell, minimal und zum richtigen Zeitpunkt erfolgen müsse.
Eine weitere Risikokomponente neben der Bewässerung sei die Zunahme der Temperaturvariabilität in den verschiedenen Weinbauregionen, die den Wasserkreislauf so beeinflussen kann, dass sich häufiger Starkregenereignisse ergeben. Die Auswirkungen des Anstiegs der Temperatur und ihre Variabilität zwischen sehr trockenen und sehr feuchten Phasen seien regional sehr unterschiedlich. „Eine große Herausforderung für die Kulturführung liegt im Umgang mit dieser Variabilität.“, so Schultz. Maßnahmen für die Anpassung könnten zum Beispiel die Verlangsamung der Beerenreife oder eine veränderte Zeilenorientierung sein. Eine Ost-West-Zeilung hätte beispielsweise einen niedrigeren Wasserverbrauch im Sommer und einen höheren im Herbst zur Folge.
Sowohl die Wissenschaftler als auch Winzer Schönleber stellten fest, dass die Reben der Nahe-Region in den letzten Jahren rascher zur Fäulnis neigen. Schönleber dazu: „Mir persönlich machen der Klimawandel und seine Folgen ein mulmiges Gefühl. Ich verzeichne in den letzten fünf Jahren einen Trend zu deutlich mehr Regen. Auch Sonnenbrände treten verstärkt auf.“ Dies hänge auch mit der verstärkten Luftreinerhaltung zusammen, da die – durch Umweltschutzmaßnahmen erzielte – klarere Luft zu einer intensiveren Sonneneinstrahlung führe. Die intensivere Strahlung und der Trockenstress hingegen beeinflussen das Alterungspotential der Weißweine und den Weincharakter.
Für die Vorhersage von Wetterereignissen sei zudem eine präzisere Kleinklima-Erforschung nötig, ergänzte Dr. Müschen. Die aktuellen Wetter-Kleinstauswertungen beziehen sich noch immer auf ein relativ großes Gebiet von 15 mal 15 Kilometer. Dabei würden insbesondere Temperaturschwankungen und Niederschlagsmengen zu grob und zu pauschalisierend dargestellt. Für die Winzer mit ihren vergleichsweise kleinen Weinbaugebieten sind die Daten kaum von Nutzen.
Die Winzer an der Nahe wollen die Kleinklima-Erforschung als Resultat der Weinkonferenz weiter anregen. Darüber hinaus müssten weitere Einflussfaktoren und Wechselwirkungen untersucht werden, betonte Held. Damit würde die Nahe-Region als erste ein solch ehrgeiziges Ziel verfolgen und langfristig sicher Vorbildfunktion für andere Anbaugebiete in Deutschland und darüber hinaus haben. Unterstützung erhält das Vorhaben dabei voraussichtlich vom Bundesumweltamt, betonte Dr. Müschen, der sich bereit erklärte, ein auf Basis der Konferenzergebnisse erarbeitetes Konzept intensiv zu prüfen und wenn möglich zu fördern.
Enge Kooperation zwischen Weinbau und Forschung angestrebt
Alle Beteiligten waren sich einig, dass die kontinuierliche Information und Weiterbildung der Winzer sowie flexibles Handeln die Basis für den erfolgreichen Weinbau unter den sich verändernden klimatischen Bedingungen bilden. „Sowohl Lösungsansätze als auch Unwägbarkeiten im Umgang mit dem Klimawandel und seinen Folgen müssen erforscht und weitergegeben werden“, betonte Dr. Müschen. Voraussetzung für einen zukunftsfähigen Weinbau in der Region sei der kontinuierliche Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis.
Der Auftakt der 1. Meisenheimer Weinkonferenz fand im historischen Dachstuhl des Boos von Waldeckschen Hofes in Meisenheim statt. Nach der Begrüßung und einführenden Worten durch den Gastgeber Held startete die Konferenz mit dem Beitrag von Prof. Dr. Schultz, der einen Überblick über die klimatisch bedingten globalen Herausforderungen für die Weinbranche gab. Anschließend referierte Dr. Müschen über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Weinbau in der Region Nahe. Die Konferenz schloss mit einer angeregten Podiumsdiskussion zum Thema „Konsequenzen für den Weinanbau und -ausbau“, an der sich neben Held, Zenz, Dr. Crusius, Schönleber und Knoll insbesondere Dr. Edgar Müller und Oswald Walg vom DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück rege beteiligten. Dabei kamen auch personelle Herausforderungen zur Sprache. Thomas Zenz wies darauf hin, dass es immer schwieriger werde, angesichts der klimatischen Herausforderung die kurzfristige personelle Besetzung für die Bewirtschaftung der Steillagen zu planen. In persönlichen Gesprächen diskutierten die Winzer und Sommeliers anschließend den Jahrgang 2010.
„Ich bedanke mich sowohl bei unseren Rednern als auch bei unseren Gästen sehr herzlich für die zahlreichen wichtigen Impulse, die wir im Rahmen der Veranstaltung erhalten haben“, so Held.
„Die Weinkonferenz hat Anregungen zu aktuellen und brennenden Fragen zur Zukunft des Weinbaus geleistet. Sowohl das IKEM als auch wir von der Klostermühle Odernheim werden die Erkenntnisse
weiter vertiefen und das Thema und die vielen Vorschläge sehr ernsthaft weiter verfolgen. Wir werden jetzt konkret prüfen, wie das Thema systematisch weiter vertieft wird und dabei auch mit
dem Land Rheinland-Pfalz kooperieren.“
Das Weingut Klostermühle Odernheim
Das Weingut Klostermühle Odernheim entstand im frühen Mittelalter als ein Wirtschaftshof des Klosters Disibodenberg. Das Kloster erlangte kulturgeschichtlichen Weltruhm, weil Hildegard von Bingen hier über 30 Jahre lebte und ihr berühmtestes Werk „Liber scivias“ hier entstanden ist. Nach der Säkularisierung des Klosters in der Reformation gelangten Mühle und Weinberg in den Besitz der Landesherren der Herzöge von Pfalz-Zweibrücken. Von Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1992 wurde das Weingut durch die Odernheimer Familie Schmidt bewirtschaftet, die den Betrieb zu Ende der 1960 ger Jahre mit der zu dieser Zeit an der Nahe völlig unüblichen Konzentration auf Burgundersorten neu konzipierten. Seit 1992 ist Christian Held geschäftsführender Gesellschafter, der gemeinsam mit dem langjährigen Betriebsleiter Thomas Zenz die Qualität der Weine und den Ruf des Weinguts weiter entwickelte, die Rebfläche nahezu verdoppelte und die Kellerei modernisierte. Weiterhin wurde die Sektproduktion gegründet und mit der Übernahme des Boos von Waldeckschen Hofes in Meisenheim am Glan auch eine Brennerei errichtete, die sich auf hochwertige Obst- und Tresterdestillate spezialisiert hat. Die Klostermühle Odernheim bewirtschaftet heute über 13 Hektar, ausschließlich Steillagen. Die Jahresproduktion liegt bei ca. 110.000 Flaschen, davon 30.000 Flaschen Sekt und 3.000 Flaschen Brände. Besonders zu erwähnen sind die Lagen Odernheimer Kloster Disibodenberg (Riesling), im Alleinbesitz: Odernheimer Montfort (Spätburgunder, Chardonnay, weiße Burgundersorten) und Odernheimer Kapellenberg (Frühburgunder). Durch die naturnahe Bewirtschaftung erstklassiger Lagen und die Pflege alter Rebanlagen werden konzentrierte, stoffige, von Mineralität und Frucht geprägte Weine erzeugt. Diese werden von Sterneköchen, Feinschmeckern und Experten geschätzt, u. a. wurden Weine des Weingutes von Stuart Pigott, dem renommierten Weinführer für Gault Millau und der Zeitschrift „Capital“ empfohlen.
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Abdruck honorarfrei. Um Beleg wird gebeten.
Mehr Informationen über den Veranstaltungsort Boos von Waldeckscher Hof sowie das Weingut des Gastgebers Christian Held – die Klostermühle Odernheim – finden Sie im beigefügten Text und unter www.klostermuehle-odernheim.de